Macht der Worte


Der Mensch braucht Geschichten. Erzählungen helfen die Welt zu verstehen und Dinge einzuordnen. So will das Gehirn also Geschichten. Diese aber eignen sich nicht ausschliesslich, um komplexe Muster und Botschaften verständlich zu vermitteln. «Mit Geschichten schafft man es auch
 • Werte und Haltungen zu transportieren,
 • Empathie und Emotionen auszulösen,
 • Identifikation zu schaffen und
 • all das langfristig im Gedächtnis zu hinterlegen» *
 (* aus: https://www.wissenskurator.de/storytelling-das-gehirn-will-geschichten/)

Nun ist durchwegs bekannt, welche Macht Erzählungen haben sowie welche bedeutungsvolle Wirkung sie entfalten können. Auch, dass Geschichten in der Lage sind, uns zu beeinflussen, gar zu manipulieren. Worte öffnen Herzen, beeinflussen Börsenkurse, motivieren Menschen zum Guten, entfachen Hass, Krisen und Krieg. Oder durch das heute permanente Storytelling in Werbung und Marketing prägen Erzählungen unser Konsumverhalten und beabsichtigen zu gigantischem Konsumrausch zu verführen. Worte, die zu Geschichten formuliert werde, haben gestalterische Kraft zum Guten oder zum Schlechten.

Mariana Mazzucato schreibt in ihrem lesenswerten Buch «Wie kommt der Wert in die Welt?»: «Der griechische Philosoph Platon war der Ansicht, dass Geschichtenerzähler die Welt regieren».
Und an dieser Stelle sei noch kurz auf eine Anekdote verwiesen, welche man Steve Jobs, dem Gründer von Apple, zuschreibt (und sich somit ca. 2400 Jahre später ereignete): «Im Gespräch mit Arbeitskollegen soll Jobs diese gefragt haben, wer der mächtigste Mensch der Welt sei. Eine Reihe unterschiedlicher Antworten wurden geäußert, auch einige Namen fielen. Jobs antwortete: „Ihr liegt alle falsch. Der mächtigste Mensch der Welt ist der Geschichtenerzähler. DerGeschichtenerzähler setzt die Vision, die Werte und Agenda für eine komplette Generation.“ Jobs hatte erkannt, dass derjenige, der ein Narrativ errichtet und wirkmächtig durchsetzen vermag, als maßgeblicher Gestalter des Diskurses auftritt und hierdurch Macht ausüben kann. Wer die Menschen von der eigenen Interpretation der Dinge überzeugen kann, gewinnt an Einfluss.» (Textausschnitt aus https://www.rubikon.news/artikel/die-gleichheitsluge).

Der Begriff «Storytelling» ist eng mit dem des «Narrativ» verbunden. Was aber bedeutet das Wort «Narrativ»? In Wikipedia ist es wie folgt definiert: Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen Nationalstaat oder ein bestimmtes Kulturareal bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Narrativ_(Sozialwissenschaften)).

In der Studie «Das postmoderne Wissen» aus dem Jahr 1979 beschäftigt sich der französische Philosoph Jean-François Lyotard darin mit dem Wissen in «postindustriellen» Gesellschaften. Er legte darin seinen Begriff der Postmoderne dar und unterscheidet zwei Formen des Wissens:  
 • Das narrative Wissen, das er als traditionelles Wissen in Form von Erzählungen und Geschichten charakterisiert und für das keine    
    tieferliegende Legitimation notwendig sei.
 • Das wissenschaftliche Wissen, dessen Legitimation aber ungeklärt bleibe.

In der vorgenannten Arbeit erläuterte Lyotard auch seinen Begriff der Postmoderne und war somit unbeabsichtigt der Namensgeber für eine heute unter diesem Namen gebräuchliche Bezeichnung der gegenwärtigen geistesgeschichtlichen Epoche. «Lyotard unterscheidet in seiner Darstellung zwischen narrativem und wissenschaftlichem Wissen. Bis zur Aufklärung sei Wissen über Erzählungen weitergegeben worden. Diese bedurften keines weiteren Nachweises, weil sie sich selbst legitimierten. Den antiken Erzählungen stellt Lyotard die Wissenschaft als moderne Erzählung gegenüber. Wie sieht es aber mit der Legitimation der Wissenschaft aus? Lyotard behauptet: Für die Spielregeln der Wissenschaft gebe es keinen anderen Beweis als den Konsens der Experten. Damit delegitimiert er nicht nur die grossen Erzählungen, sondern auch die Wissenschaft. Deren ureigenstes Interesse sei nicht die Wahrheit, sondern die Performance, ein gesteigertes Verhältnis von Input/Output. Für Lyotard rechtfertigt sich das postmoderne Wissen damit einzig durch den Konsens. Dieser kann lediglich einen Zustand der Diskussion wiedergeben.» (von Hanniel Strebel)

In den vergangenen Jahrzehnten bestimmten vor allem zwei Grundpositionen mit zwei unterschiedlichen ökonomischen Narrativen das Wirtschaftsgeschehen: Der Keynesianismus und der Neoliberalismus. Dabei stand der unterschiedliche Standpunkt zur zentralen Frage nach dem Einfluss des Staates auf den Wirtschaftsprozess und die des Sozialstaates im Mittelpunkt. Dem entsprechend sind die zu den beiden Wirtschaftssystemen erarbeiteten Erzählungen ausgefallen. Die einen Narrative waren furchteinflössend oder aber versprachen die Früchte des Garten Edens. Für die Zuhörer der Erzählungen bestand und besteht heute noch die Schwierigkeit der Überprüfbarkeit des jeweiligen Wahrheitsgehalts der Argumente sowie das Erkennen deren empirischen Grundlagen. Die Glaubwürdigkeit der Erzählungen litt oft unter der Tatsache, dass die Rechtfertigungsgründe für bestimmte Massnahmen eher verschiedenen privilegierten Akteuren zu mehr Recht und grösseren Vorteilen (Reichtum & Macht) verhalf, als dass sie dem Gemeinwohl zugutekam.

Als im Jahre 2008 durch die Finanzkrise das Narrativ «der Markt regelt alles» in Brüche ging, kam auch die Geschichte des Kapitalismus an seine Grenzen. Damals hiess es: «Nach dieser Krise ist die Welt nicht mehr wie vorher!» – aber einmal mehr hat sich auch dieses Narrativ nicht bewahrheitet; im Gegenteil, in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft entwickelten sich Rücksichtslosigkeit sowie Exzesse noch stärker als zuvor.  

Es ist wichtig, heute bereits darüber nachzudenken, in welcher zukünftigen Welt wir leben möchten und wie diese entsprechend zu gestalten ist. Neue Arbeitsmodelle sind zu entwickeln, neue Steuereinnahmesysteme abzuwägen, neue Lebenskonzepte und Wirtschaftsmodelle aufzuzeigen. Und weshalb änderte sich damals die Welt nicht? Viele Menschen hatten doch eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Das Problem war jedoch, dass leider alternative Geschichten fehlten – es standen keine neuen Konzepte mit den dazugehörenden neuen Erzählungen zur Verfügung.

Aktuell feiert das Kreieren von Geschichten eine Hochblüte im Bereich «Chance der Künstlichen Intelligenz» , «Digitalisierung» sowie «Robotik» und der «allgegenwärtigen Algorithmen» . Mit viel Enthusiasmus erzählen IT-Gurus aus dem Silicon Valley, wie sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen die Welt zum Guten verändern, die Welt also besser wird. Die Geschichten sind spannend aber sicher mit viel «Spekulation» und Halbwahrheiten angereichert… ihre bessere Welt funktioniert nur, wenn die Menschen Kreditkarten und Geld haben – eine wirklich solidarischere, gerechtere Welt ist jedoch trotz Algorithmen und Apps nicht ersichtlich. Sicher ist das Bestreben vieler Forscher und Entwickler durch neue Technologien, Expertensysteme sowie enorm komplexe Algorithmen die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Zum Beispiel sollen Ärzte durch solche Systeme unterstützt werden, um genauere Diagnosen erstellen und dadurch eine patientengerechte individuelle Behandlung sowie personalisierte Medikamente zur Verfügung stellen zu können.

Neben diesem wirklich bedeutsamen Bestreben durch hochtechnische Neuerungen die Lebensqualität von Menschenleben zu erhöhen, eröffnen diese Innovationen ein immenses Feld von Funktionen, um Menschen noch perfekter «unter Kontrolle zu haben» und diese noch effizienter zu noch effektiveren Konsumenten werden zu lassen… personalisierte Werbung, personalisierte Produkte, personalisierte politische Informationen usw. Mit enormen finanziellen und personellen Mitteln und Ressourcen wird die Digitalisierung vorangetrieben und ist diese dereinst in vielen Bereichen implementiert, sind wir auch mit gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert. Das Internet der Dinge, die smarten Geräte und Prozesse, die intelligenten Maschinen und Roboter, welche durch künstliche Intelligenz und Algorithmen unterstützt und gesteuert werden, verändern sehr viele gesellschaftliche Bereiche und stellen uns vor grosse Herausforderungen: Wie viele Arbeitskräfte durch Maschinen und Roboter abgelöst/ersetzt werden ist nicht absehbar – aber die Arbeitssuchenden werden zunehmen, verschiedenen Studien gehen davon aus, dass in Zukunft die Arbeitslosenrate bis zu 40% ansteigen könnte. Der Ausgang dieser Entwicklung ist offen – die Zukunft wird es zeigen!

Im Weiteren ist zu bedenken, dass die Tech-Giganten (oder auch Überwachungskapitalisten - siehe "Das Zeitalter
des Überwachungskapitalismus" von Harvard-Professorin Shoshana Zuboff) bis heute ihre Versprechen aus der Gründerzeit nicht eingelöst haben, wie z. B. Emanzipation, Freiheit, Demokratisierung, besseres Leben für alle…!
Es sind dringend Werte und Regeln für Entscheidungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung gefragt, damit uns die Entwicklung durch die rasante Transformation getrieben von sehr leistungsfähigen Technologien und Algorithmen in sozialen und ökonomischen Systemen, nicht überrennt und abhängt.
Dazu 2 interessante Beiträge von Scobel:
Ethik fürs Digitale: https://www.3sat.de/wissen/scobel/scobel---ethik-fuers-digitale-102.html
Im Netz des Überwachungskapitalismus: https://www.youtube.com/watch?v=r5rtUf8r4ok


Eine weitere offene Frage: Wie werden künftig die allgemeinen öffentlichen Infrastrukturen, Aufgaben und Leistungen finanziert,
wenn auch in Zukunft wie bis anhin vor allem die Arbeitsleistung besteuert wird und viele Menschen aber keine bezahlte Arbeit mehr haben werden? Wer kauft all die Produkte und Dienstleitungen, wenn viele Menschen keiner bezahlten Arbeit mehr nachgehen können? Welche Lösungsansätze können dazu gedacht werden?

In diesen Tagen der Corona Krise und dem Lockdown wiederholt sich die Situation mit der Feststellung: «Nach dieser Corona Krise ist die Welt nicht mehr dieselbe wie zuvor!» Aber was für neue Lösungen, welche neuen Narrative stehen bereit? Seit längerem zeichnet sich ab, dass aufgrund des Klimawandels ein noch viel grösseres Problem auf uns als Gesellschaft und somit auch auf die Wirtschaft zukommen könnte, wenn wir es nicht schaffen eine nachhaltige Lebensweise zu gestalten. Wir nehmen zur Kenntnis, dass wir nicht unendliche Ressourcen zur Verfügung haben und leben/wirtschaften trotzdem so, wie wenn wir drei Erden zur Verfügung hätten. Erschreckend ist auch die Tatsache, dass sich weder Ökonomen noch Politiker mit der Frage auseinandersetzen, wie eine Welt aussehen könnte ohne das Mantra des Wirtschaftswachstums, ein Wirtschaftssystem ohne Zunahme der Erderwärmung und ohne substantielle Ungerechtigkeit, ein Leben ohne der massiven Unterschiede zwischen armen und reichen Menschen. Momentan gibt es noch keine befriedigenden Antworten und umsetzbare Lösungsvorschläge auf solch grossen Fragen diese enormen Umwälzungen betreffend. Sicher aber ist, wenn ein solcher Prozess des erwähnten gesamtgesellschaftlichen Wandels friedlich ablaufen soll, müssen wir uns heute mit aller Kraft auf das Erarbeiten neuer Narrative konzentrieren und uns mit der Frage auseinandersetzen, wie man einen Umbau oder einen Ausstieg aus dem gegenwärtigen Wirtschaftsmodell modelliert. Wir fragen nach einer ästhetischen Erzählung über Kooperation, über Sinnhaftigkeit über soziale Gerechtigkeit in einer lebenswerten Zukunft.


Nachfolgend Links zu entsprechenden interessanten Beiträge: 
https://www.uni-bonn.de/neues/201ewir-brauchen-eine-metaphysische-pandemie201c
 
Corona, Ethik und der Mensch; Gedanken über die Zeit danach von Gert Scobel in 3sa
https://www.3sat.de/wissen/scobel/scobel---corona-ethik-und-der-mensch-100.html
 
Corona als Chance - Richard David Precht bei Markus Lanz, 14.04.2020 
https://www.youtube.com/watch?v=VKlHM5-pkx0